Leidenschaft finden – scheiß drauf!

Häufige Fragen, die ich erhalte und die ich auch mir über die letzten Jahre laufend gestellt habe:

“Was ist meine Leidenschaft? Wie find ich es heraus?”

“Ist das, was ich gerade tue, das Richtige?”

Diese Art von Fragen werden zumeist in ellenlange E-Mails mit allerlei Gefühlsduselei gepackt und mit durchlebten Geschichten ausgeschmückt.

Was ich darauf antworte? Nichts!

Was soll ich dazu auch sagen? Wenn nicht Mal du selbst weißt, was du mit deinem Leben anfangen sollst oder ob der Weg, den du aktuell gehst der Richtige ist, wie soll eine wildfremde Person im Internet die Frage adäquat beantworten?

In diesem Artikel will ich allerdings versuchen, dir den einen oder anderen Denkanstoß zu geben. Gehen wir also die obigen Fragen nacheinander durch.

Was ist meine Leidenschaft? Wie find ich es heraus?

In meinen Augen ist bereits die erste Frage, eine falsche Frage und wird dich nicht zum ersehnten Resultat führen. Menschen, die diese Frage stellen, streben häufig nach einem Zustand permanenten Vergnügens. Sie wollte etwas tun, das ihnen so ziemlich permanent Vergnügen bereitet. Sobald sie allerdings eine Tätigkeit ausprobieren und bemerken, dass Probleme aufkommen, schmeißen sie es hin, weil Probleme nunmal häufig kein Vergnügen mit sich bringen, sondern Stress. Um diese Probleme zu lösen Bedarf es Anstrengung. Nicht so geil.

So springt man also von einer Tätigkeit zur nächsten, ohne zu begreifen, warum man einfach kein Glück im Leben findet und warum einem die Leidenschaft verwehrt bleibt. Wie soll man dieses Dilemma bloß lösen?

Simpel: Scheiß auf deine Leidenschaft!

In meinen Augen gibt es mehrere Gründe, warum Menschen keine Zufriedenheit in Ihrem Leben finden, wenn sie stets versuchen ihre Leidenschaft zu finden, um dann endlich glücklich zu werden:

1.) Es gibt keine vordefinierten Leidenschaften. Um Leidenschaft für eine bestimmte Tätigkeit zu entwicklen, musst du zunächst etwas über eine sehr lange Zeit ausüben und immer besser darin werden. Die Leidenschaft erbaut sich aus Taten, die über viele Jahre hinweg vollzogen werden. Kein Mensch wacht plötzlich auf und sagt: Jep! Ich will Physiker sein oder Arzt oder Anwalt oder Pornodarsteller und das ist das, was mich bis ans Ende meines Lebens erfüllen wird.
Das ist Unsinn. Du findest deinen Weg nicht durch stumpfes Nachdenken, sondern durch Taten.

2.) “Glück” oder “permanente Zufriedenheit” sind keine guten Ziele, die man anstreben sollte, wenn man sich nach einem zufriedenen Leben sehnt.
“Warum? Ist das nicht das, was die meisten Menschen wollen? Warum sollte das also falsch sein?”

Nur weil die meisten Menschen etwas für richtig halten, muss es nicht richtig sein. Denn interessanter Weise sind die meisten Menschen unzufrieden mit ihrer Erwerbstätigkeit und würden am liebsten immer weniger Zeit in der Arbeit verbringen. Traurig, wenn man bedenkt, dass wir einen großen Teil unseres Lebens arbeitenx.

Ziele wie “Glück” bringen dich nicht voran, weil du sie nicht kontrollieren kannst. Du hast keinerlei Handhabe darüber, ob dir morgen etwas Schlimmes zustößt und welche Probleme auf dich einprasseln. Wenn du also derartige Ziele als Standard ansetzt, kannst du nur unzufrieden werden.

Es gibt einen Ausweg aus dieser Misere: Man legt Ziele für sich fest, über die man mehr Kontrolle verfügt:

  • Ein ausgezeichneter Operateur werden
  • Kindern in der 3. Welt medizinische Hilfe zukommen lassen
  • Freiheit
  • Die Forschung auf dem Gebiet der Hautkrebstherapie vorantreiben
  • Menschen beim Abnehmen unterstützen
  • Einen Comicshop aufbauen und Comics aus X Ländern und X Kategorien den Kunden anbieten
  • 15 kg Abnehmen

Werte, die dich in die Unzufriedenheit stürzen werden:

  • stets glücklich sein
  • viel Geld verdienen
  • Den Nobelpreis gewinnen
  • Den Durchbruch in der Hautkrebsforschung schaffen

Falls du es noch nicht bemerkt hast: Im Wort “Leidenschaft” steckt das Nomen “Leid” oder das Verb “leiden”. Dieser Sachverhalt impliziert, dass du deine wahre Leidenschaft nur finden und ausleben wirst, wenn du auch bereit bist dafür “Leid” auf dich zu nehmen und dafür zu “leiden”.
An diese Stelle möchte ich dir eine Illusion nehmen: Es ist nicht normal sich stets gut zu fühlen und es ist völlig normal den einen oder anderen Scheißtag zu haben und täglich mit neuen Problemen konfrontiert zu werden, die einen nerven.

Wenn du dir das Ziel gesetzt hast, stetig glücklich zu sein, dann wirst du verlieren. Denn – Überraschung – es ist völlig normal nicht jeden Tag glücklich zu sein. Es ist völlig normal, dass in deinem Job etwas schiefläuft.

Wenn du dir stattdessen beispielsweise das Ziel gesetzt hast ein ausgezeichneter Operateur zu werden und heute einen Scheißtag durchlebst, an dem du 14 h am Tisch stehst, der Patient trotzdem stirbt und du anschließen noch 2 h mit Dokumentation verbringst, dann wirst du in der Grundgesamtheit dennoch zufrieden bleiben. Denn auch wenn du einen problematischen Scheißtag hattest, so hast du dennoch etwas gelernt und konntest deine Fähigkeiten beim Operieren verbessern.

Konzentriere dich auf Ziele, die du kontrollieren kannst, statt dich an etwas aufzuhängen, das sich deiner Kontrolle entzieht.


Moment! Doch Mischa, wie finde ich denn heraus, dass ich “ein exzellenter Operateur werden will?” oder “die Hautkrebsforschung vorantreiben möchte”?

Tue es einfach.

Im Ernst: Tue es. Hör auf ständig darüber nachzugrübeln, “wie” etwas funktioniert, sondern komm endlich ins Handeln. Du wirst nicht herausfinden, was du gerne tust, indem du darüber nachdenkst, was du tun könntest, um herauszufinden, was du gerne tust.
Auf diese Weise bekommst du höchstens einen Knoten im Hirn.

Also tue es einfach.

Sidenote: Häufig ist es gar nicht so entscheidend, was genau man tut, sondern wie man es tut. Man kann für so ziemlich alles eine Begeisterung entwickeln, sofern man es nicht für absolut sinnlos oder schädlich hält. Je besser du in etwas wirst und je mehr du daran arbeitest, exzellent darin zu werden, desto mehr wirst du es genießen. Einen spannenden Artikel hierzu habe ich auf dem Medi Heroes Blog geschrieben – “Die Qual der Berufswahl”

Das alles bringt uns jetzt zur letzten Frage: “Ist das, was ich gerade tue, das Richtige?”

“Ist das, was ich gerade tue, das Richtige?”

Diese Frage kannst nur du dir beantworten. Denn Sie hängt an mehreren Faktoren: Deinen Zielen und deinen Werten.

Stelle dir also die folgenden Fragen:

1.) Wenn ich das tue, was ich aktuell tue, werde ich mein spezifisches und kontrollierbares Ziel erreichen können?
Ja? Dann mach weiter.
Nein? Wie muss du deinen Kurs korrigieren, um dein Ziel zu erreichen? Mach das.

2.) Stimmt das, was ich aktuell tue mit meinen Werten überein oder besteht eine Dissonanz?
Beispiel: Wenn deine Werte besagen, dass du dich bei deinen medizinischen Ratschlägen und Therapien an evidenzbasierte Medizin halten willst, dein Chef dich allerdings dazu drängt, irgendeinen Quaksalbermist an deine Patienten zu vertreiben, dann wird es schleunigst Zeit die Stelle zu wechseln.

Das war es mir meinen Gedanken zum Sonntag. Ich hoffe, dass ich dir etwas weiterhelfen konnte.

Cheers
Mischa Kotlyar


🎧 Meine Literaturempfehlungen zu diesem Blogpost:

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1 comment

  1. 1

    Super Beitrag! Insbesondere in diesem ganzen “tieferer Sinn” und “alle müssen selbstständig sein alles andere ist das böse Hamsterrad” Mist.

    Hast aber zwei drei gute Denkanstösse drin, werde ich mir mal in Ruhe Gedanken machen.

    Viele Grüsse von einer beruflichen Scheisswoche im Ausland (auch noch mit Ansage..) aber wie du so passend schreibst – gehört auch mal dazu.

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