Warum du es nicht schaffst, interessiert niemand

Bild von Harut Movsisyan

Heute habe ich endlich meine Dissertation bei meinem Betreuer zur Erstkorrektur eingereicht. Es war ein steiniger Weg und bis zur endgültigen Verteidigung wird mit Sicherheit noch etwas Zeit vergehen. Nichtsdestotrotz bin ich froh, endlich an diesem Punkt angelangt zu sein.

Da ich seit Oktober in Vollzeit als Assistenzarzt tätig bin und seit diesem Zeitpunkt gefühlt nur noch zum Schlafen nach Hause komme, war es ein ganz schön hartes Brot die Arbeit nebenher abzuschließen. Zwei Arten von Menschen sind mir in dieser Zeit begegnet:

  1. Diejenigen, die nur das Beste für mich wollten und sagten: Lass die Promotionsarbeit erstmal ruhen, konzentriere dich auf deine neue Tätigkeit, damit du erstmal ankommst. Wenn du versucht deine Doktorarbeit nebenher abzuschließen, machst du dich nur kaputt. Das geht nicht lange gut, du musst deine Kräfte gut einteilen.
  2. Diejenigen, die nur das Beste für mich wollten und sagten: Bring es endlich zu Ende! Bringe es zu Ende. Schreib den S***** endlich zusammen! Mache es dir nicht in deiner nicht vorhandenen Freizeit bequem auf der Couch, wenn du langfristig deine Ziele umsetzen willst. Mache es dir nicht bequem, wenn du dein volles Potenzial ausschöpfen willst. Bringe es zu Ende.

Beide Parteien hatten nur das Beste für mich im Sinne…

Die erste Partei wollte mich insbesondere beschützen. Diese Menschen sorgten sich insbesondere um mein Wohlergehen und wollten vermeiden, dass es mir Schlecht geht. Häufig waren es aber auch Menschen, die selbst vieles eher bequem im Leben angegangen sind. Sie sind unter objektiven Merkmalen nicht unerfolgreich. Sie sind gute Ärzte, haben zum Teil bereits eine Familie gegründet und sind mit ihrem Leben sehr zufrieden. Ich schätze diese Menschen in meinem Leben.

Die zweite Partei wollte mich davor beschützen, nicht mein vollstes Potential auszuleben. Diese Menschen sorgten sich insbesondere um mein Wohlergehen und wollten vermeiden, dass es mir Schlecht geht. Häufig waren es Menschen, die echte Macherleben führen, bereits in ihrer Assistenzarztzeit habilitiert wurden oder aber in anderen Branchen sehr erfolgreich sind. Diese Menschen bevorzugen die meiste Zeit über das unbequeme Leben. Ein Leben gefüllt mit Druck, mit Herausforderungen, mit Kämpfen um persönlichen und beruflichen Fortschritt. Auch diese Menschen haben häufig ein zufriedenes Familienleben, allerdings ist es anderes. Sie sind nunmal deutlich seltener zu Hause, so muss jede Minute, die noch mit der Familie bleibt, genutzt werden. Sie führen ein sehr intensives, sehr ausgefülltes, allerdings die meiste Zeit über enorm unbequemes Leben.

Als ich ins Berufsleben startete, musste ich mich erneut entscheiden, wie ich werden will. Ich musste mich entscheiden, wie ich leben will. Ich musste mich entscheiden, welchen Weg ich in meinem täglichen Leben verfolgen will.

Während ich diese Zeilen tippe, weiß ich, dass ich mich richtig entschieden habe. Denn auch wenn, auch ich nach Zufriedenheit strebe, so wurde ich mit dem heutigen Tag nochmals darin bestätigt, dass ich ein intensives Leben leben will. Ja, ich möchte ein Leben voller Druck, Stress, Herausforderungen und Kämpfe um persönlichen und beruflichen Fortschritt. Ich will mein Leben unbequem und intensiv leben. Ich will ein Leben leben, in dem ich nicht das Gefühl habe alle Zeit der Welt zu haben. Ein Leben, in dem ich jede Sekunde mit meiner Familie schätze, allerdings auch ein Leben, das mich niemals ruhig schlafen lässt. Ein Leben, das mich derart unter Druck setzt, dass wenn ich es dann doch aufzustehen schaffe, es mich schlussendlich zu einem stärkeren Menschen formt.

Wie mein Leben die letzten Monate aussah, um meine Dissertation abzuschließen, zugleich im Arztberuf nicht unterzugehen, meinen Sport nicht zu vernachlässigen und von Zeit zu Zeit auch Zeit mit meiner Familie zu verbringen?

Zumeist klingelte mein Wecker zwischen 3.30 und 4.00 Uhr. Anschließend machte ich mich auf den Weg zum Sport oder aber direkt in die Klinik, um an meiner Promotionsarbeit zu schreiben. Den Rest des Tages verbrachte ich in der Klinik. Wenn noch etwas Zeit am Abend blieb, schrieb ich noch ein Paar Zeilen, las Paper oder blätterte in Medizinfachbüchern, um mein eingerostetes *Innerewissen aufzufrischen.
Allerdings: Auch ich bin keine Maschine. Dieses Vorgehen resultierte jeden Samstag in einer enorm langen Schlafensphase. Anschließend gab es einen genüsslichen Kaffee im Cafe meines Vertrauens, gefolgt von Trainings- und Promotionseinheiten.

Wie es mir dabei erging?

Bescheiden. Es war und ist hart. Ich fühlte mich im Verlauf der Woche zunehmend müder und energieloser. Die erste Zeit hatte ich permanent das Gefühl krank zu sein. An den meisten Tagen tat mir alles weh, meine Augen brannten. Ich wollte einfach nur in mein Bett. Ich wollte einfach nur etwas leckeres futtern und zurück unter die Decke kriechen. Ich wollte der Anstrengung entfliehen. Ich wollte aufgeben.
Ich tat es nicht.

Klingt das nach einem Leben, das du leben willst?

Die meisten Menschen würden es verneinen und ich verstehe das vollkommen. Allerdings ist das die ungeschönte Realität. Kein stumpfes Motivationsgequatsche. Ich schreibe hier nicht, um dir zu erzählen, wie du es mit einem einfachen und super geheimen Trick es schaffst, deine Noten zu verbessern, Medizin zu studieren, zu promovieren und einen Haufen Geld zu verdienen.

Die Realität ist: Es ist hart! Es ist verdammt hart, Fortschritte zu erzielen. Es ist verdammt hart, seine Ziele umzusetzen. Mit stumpfer Motivation kommt man nicht weit. Es bedarf einen riesigen Haufen Disziplin, um seine Ziele wirklich wahr werden zu lassen.

Das Interessante: Es gibt keinen magischen Trick. Keinen einfachen Hack. Disziplin ist hart. Es ist verdammt anstrengend, sich jeden Morgen um 4.00 Uhr aus dem Bett zu erheben. Es ist anstrengend, so früh zum Sport zu gehen. Es ist unglaublich hart, sich spät abends nach der Arbeit erneut an den Schreibtisch zu setzen, um Fachliteratur zu lesen oder zu schreiben. Es ist hart und es gibt keine geheime Abkürzung.

In meiner Geschichte habe ich mich dazu entschlossen, auf die zweite Partei zu hören. Ich habe mich für ein unbequemes und intensives Leben entschlossen. Es hat sich für mich persönlich bislang stets ausgezahlt und obwohl ich auch in diesem Augenblick gerne einen Serienmarathon schauen und Pizza futtern würde, schreibe ich diese Zeilen, weil ich dir das verraten will, was mir meine Mentoren der zweiten Partei in den letzten Jahren mit auf den Weg gegeben haben:

1. Disziplin ist für jeden Menschen hart, ausnahmslos.
2. Warum du es nicht schaffst, deine Ziele umzusetzen, interessiert am Ende des Tages niemand. Die Konsequenzen wirst du alleine tragen.

Diese zwei “Geheimtipps” trage ich seit Jahren mit mir herum. Sie begleiten mich täglich auf meinem Weg zu meinen Zielen. Sie begleiten mich täglich in meinem Leben.

Diese zwei Grundsätze haben mir durch zahlreiche schwere Zeiten geholfen. Bislang habe ich es nicht bereut, sie in meinem Hinterkopf zu tragen. Ich hoffe von Herzen, dass sie auch dir einen zuverlässigen Dienst erweisen werden.

Cheers Mischa


*Bücher zum Thema
Fight Club, Chuck Palahniuk

#deinlebendeineaufgabe

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5 Comments

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    1) Gut, dass Du die Arbeit durchgezogen hast. Fast alle Kollegen, die ich kenne und die „eine Pause„ eingelegt haben, haben ihre Promotion nie beendet. Der Titel macht einen nicht zu einem besseren Arzt, aber ich bin auch viele Jahre später noch ein wenig stolz darauf, dass ich das damals auch durchgezogen habe.

    2) Aber (und jetzt kommen ein paar Phrasen): Bitte langfristig die berühmte „work-life“ Balance nicht aus den Augen verlieren. Ich erinnere mich noch gut an einen Notarzt Dienst an Heilig Abend, als ich zu einem Kollegen gerufen worden bin, der sich versucht hat zu suizidieren. Ich habe in den fünfundzwanzig Jahren meines Berufslebens viele süchtige, ausgebrannte Ärzte kennengelernt, teilweise auch selbst behandelt. Und es gab mehr als eine Handvoll, die „erfolgreicher“ waren als der oben genannte Kollege. Stressabbau duech Sport ist super, aber gelegentlich braucht man auch einfach mal Ruhe.

    In diesem Sinne eine schöne Adventszeit.

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    Hi Mischa!

    Ohne Witz, du bist wirklich eine riesige Inspiration für mich und hast mir tatsächlich schon zu vielen Zeiten geholfen (also durch deine Youtube-Videos). Ich stehe auch ganz hinter dir, wenn es darum geht, seine BESTIMMUNG zu finden und sein ganzes Leben lang eben nicht nur rumzutrödeln und am Ende eben alles zu bereuen. Jedoch muss ich dir indem Fall ein wenig widersprechen, denn klar ist es wichtig, immer weiter zu machen und nicht aufzugeben, aber ich denke, dass es trotzdem sehr wichtig ist im Leben immer eine Mitte zu finden bzw sich an ihr zu orientieren. Es wäre sehr schade, wenn du am Ende noch mit psychischen Problemen und einem Burnout dann selber beim Arzt landest. Ich bin selber gerade mal 17 Jahre alt und weiß, dass diese Nachricht dich nicht abschrecken wird oder ähnliches, aber vielleicht liege ich ja auch ein wenig falsch mit meinen Aussagen. Wenn ja, wäre es richtig cool, wenn du sogar antworten würdest, wo du mich aufklärst, warum ich deiner Meinung nach falsch liege (auch unwahrscheinlich, da du ja momentan viel zu tun hast, aber naja…).

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