Mein Erster Monat als Assistenzarzt

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Wenn ich meine Erfahrung nach einem Monat als Assistenzarzt in der Kardiologie mit nur einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es: Ertrinken.

Die ersten Wochen meines Daseins auf Station habe ich mit permanenter Atemnot (Dyspnoe) verbunden. Dem permanenten Gefühl überfordert zu sein und in organisatorischen sowie medizinischen Angelegenheiten zu ertrinken. 7 Jahre Studium, ein Jahr Forschung und doch hat man das Gefühl, auf den Kopf gefallen zu sein – nichts klappt (die Computersysteme sind absolut unintuitiv) und bei jeder noch so kleiner medizinischen Frage ist man verunsichert. Letzteres liegt insbesondere daran, dass man nun für jede seiner Handlungen wirklich Verantwortung übernimmt – es gibt nun keinen Arzt mehr, der am Schluß seine Unterschrift druntersetzt und für dein Handeln haftet. Entweder du weißt, was du tust oder aber, du musst dich anleiten lassen. Dementsprechend hat man im ersten Monat permanent das Gefühl, allen um sich herum mit dummen Fragen auf den Zeiger zu gehen.

Das Schöne an der erschreckenden Geschichte: So hart der Start ist, so steil ist die Lernkurve! Nach nur wenigen Wochen bemerkt man deutliche Fortschritte. Plötzlich kann man seine Briefe selbstständig fertigstellen, kann eigenständig Medikamente verordnen und führt sein erstes Angehörigengespräch. Ja, man führt gar eigenständig eine Leichenschau durch, stellt den Totenschein aus und ruft die Angehörigen an, um ihnen die traurige Nachricht mitzuteilen.
Nicht zu vergessen ist auch, dass wir permanent Studenten auf Station haben und diese nun einen als Orakel betrachten und unentwegt mit Fragen löchern. Wenn sie nur wüßten, wie viel ich bereits vergessen habe – zum Glück weiß ich noch genau, wo es stand.

Vielleicht fragst du dich, ob die Klischees über Ärzte stimmen: Extrem lange Arbeitszeiten, permanente Action beim Reanimieren, Leben retten und im Bereitschaftszimmer?
Nach über einem Monat auf Station kann ich guten Gewissens behaupten: Die Inhalte von Grey’s Anatomy, Emergency Room oder des Romans *”House of God” sind gar nicht so weit von der Realität entfernt. Allerdings beschränkt sich die Action häufig auf eine Schreibtischtätigkeit (Briefe schreiben) – einige Leben habe ich in den letzten Wochen wahrscheinlich dennoch gerettet, zumindest verlängert oder zur Verbesserung der Lebensqualität beigetragen. Es ist ein sehr schönes Gefühl zu sehen, wie ein initial kardial dekompensierter Patient plötzlich wieder deutlich besser Luft bekommt oder das Antibiotikum im Rahmen einer Sepsis anschlägt. Was man an dieser Stelle nicht vergessen darf: Selten ist man der Held – viel mehr fungiert man als Rädchen im System und ist auf eine flüssige professionelle Zusammenarbeit zwischen zahlreichen Parteien angewiesen. Jeder trägt etwas bei – Pflege, Ärzte anderer Abteilung, Apotheker, IT-Leute oder gar Putzkräfte. Letztere übersieht man häufig, aber die Hygiene im Krankenhaus würde ohne sie zusammenbrechen.

Insgesamt wurde ich mit allen meinen Macken sehr herzlich in unserer Abteilung integriert. Die dummen Fragen nahmen über die Wochen merklich ab und ich wurde zunehmend selbstständiger. Von dem Gefühl der absoluten Selbstsicherheit bin ich noch weit entfernt, aber das ist auch gut so. Schließlich muss ich noch unglaublich viel lernen und hierbei ist ein gewisser Respekt sehr wichtig, sonst kann es Menschenleben kosten.


Was ich für mich mitgenommen habe und was ich an euch weitergeben will: Es wird immer erst schwer, bevor es einfacher zu werden beginnt. Das Gefühl zu ertrinken ist völlig normal und fast jeder, der in der Inneren Medizin an einem Uniklinikum begonnen hat, wird es erlebt haben. Wehre dich nicht dagegen. Lasse es zu. Erlebe den Schmerz, die Atemnot, die Hilflosigkeit bewusst. Verschließe dich nicht, kämpfe nicht dagegen an – es gehört dazu. Es wird dich menschlich formen – das ist wahre Persönlichkeitsentwicklung. Diese kannst du in keinem Seminar eines berühmten Gurus erfahren. Es ist das Leben – fühle es, lass es dich prägen.

Cheers Mischa


*Bücher zum Thema
1. House of God, Samuel Shem
2.
Fight Club, Chuck Palahniuk

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4 Comments

  1. 1

    Wird besser. Man muss auch nicht an einer Uniklinik gewesen sein. Ich habe als Arzt im Praktikum in einem kleinen Krankenhaus begonnen (ist schon etwas her) und war nachts der einzige „Internist“ (der ich natürlich noch lange nicht war) im Haus. Interessant finde ich, dass „House of God“ immer noch Standardlektüre ist. Und heute, als niedergelassener Kollege, bin ich immer noch angesäuert, wenn Patienten oder Angehörige glauben, die Ärzte im Krankenhaus wüssten ja viel mehr, speziell wenn sie an der Uniklinik arbeiten. Weil ich bin ja nur ein kleines Licht in der Praxis (dieser Absatz soll übrigens eher zur Erheiterung dienen und nicht als Kritik. Wir wissen beide, dass Routine und Erfahrung dazugehören. Und sie wird kommen). Also – bitte nicht entmutigen lassen und, um das Bild aufzugreifen: auch Schwimmen braucht am Anfang etwas Übung.

    • 2

      Beide haben ihre Aufgaben und ihre Berechtigung. Die Uni ist nicht dafür, die täglich anfallenden Probleme zu lösen – dafür braucht es gute niedergelassene Kollegen. Zugleich wird weder ein Niedergelassener, noch ein peripheres Haus in exzellenter Weise eine TAVI-Prozedur durchführen. Dafür haben Sie einfach nicht den nötigen “Durchlauf”. Schlechte Medizin kommt zugleich auf beiden Seiten vor.
      Danke für deinen Kommentar.
      Cheers Mischa

  2. 3

    Danke für diese spannenden Einblicke und interessanten Gedankengänge! Über den ein oder anderen werde ich in nächster Zeit sicherlich noch weiterreflektieren. Weiterhin viel Erfolg bei Deiner Ausbildung und Promotion!

  3. 4

    Hey Mischa,

    “…es wird immer erst schwer, bevor es einfacher zu werden beginnt.”
    Was für eine MEGA BOTSCAHFT. Danke für das Teilen deiner Geschichte…..sehr inspirierend.

    Ich denke genauso wie du…..kurz zu mir….ich bin Realschullehrer und Lerncoach und kitzle seit Jahren das Bestmögliche aus Schülern heraus (mehr über mich auf Instagram oder Youtube –> Mathe mit Moh)

    Hast du Lust mit mir ein kurzes Interview zu machen (z.B. auf Instagram)….ich bin mir sicher, dass diese Geschichte viele Schüler (auch Erwachsene) auf ihrem Weg anspornt.

    Freu mich auf deine Antwort. Liebe Grüße aus dem Schwabental 🙂

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