Rituale der Eisamkeit

Morgens halb sieben in Deutschland. Ich betrete eine volle Straßenbahn, platziere mich neben einem Ausgang und blicke in meinen Gedanken vertieft aus dem Fenster. “Warum zeigen unsere Messungen plötzlich eine derart andere Dynamik?” Meine Gedanken klammern sich an Fragen, die dringend gelöst werden müssen. Drei Stunden später werde ich fündig, während ich die wissenschaftlichen Datenbanken nach Publikationen zum Immunsystem durchsuche – ich war auf der richtigen Fährte. Jetzt kann ich darauf aufbauen und eine neue Theorie ausarbeiten.

Spulen wir zurück – so verlief einer meiner Tage letzte Woche – gestern wurde ich hingegen abgelenkt. Mir fiel auf, dass mindestens die Hälfte der Menschen um mich herum Kopfhörer trug und ein weiterer Teil in ihrem Smartphone herumtippte. Ein ähnliches Szenario beobachtete ich an der Bushaltestelle. Sogar beim “Lernen” in der Bibliothek griffen zahlreiche Studenten alle Paar Minuten zu ihren Smartphones.

“Einsamkeit” – ein Wort, ein Gefühl, das viele Menschen fürchten und insbesondere mit der physischen Trennung von Freunden und Lebenspartnern in Verbindung bringen. Doch was ist mit geistigem Input? Ist dir aufgefallen, dass wir heutzutage so gut wie keine Minute ohne verbringen? Während physische Trennung nach wie vor unumgänglich scheint – schließlich gehen wir in die Uni, zur Arbeit oder zumindest Mal zum Einkaufen – so versucht der Großteil der Menschen die geistige Einsamkeit mit allen Mitteln zu bekämpfen. Wie praktisch, dass es heutzutage so einfach geht – Smartphone raus und schon bekommt man neuen Input. Bildchen, Sprüche, süße Katzenvideos und natürlich Spiele – heutzutage ist es so einfach wie noch nie, sich abzulenken und die geistige Einsamkeit zu vertreiben. Nie wieder einsam sein. Doch zu welchem Preis?

Mir fiel auf, dass ich niemand mit einem anspruchsvollen Buch in der Hand zu sehen bekam – wie auch, das bekommt man unter Fahrt kaum gelesen, geschweige denn die Inhalte verinnerlicht. Doch welchen Input liefert das Smartphone? In der Regel werden minderwertige, simple Inhalte konsumiert ohne wirklichen Mehrwert für unsere langfristigen Lebensziele. Sie dienen dem Zeitvertreib. Die Inhalte dienen darüber hinaus dazu, dass Konzerne aus unserer Aufmerksamkeit Profite generieren können – je länger man dranbleibest, je öfter man klickt, desto mehr wird umgesetzt. Social Media Plattformen sind in erster Linie nicht für Menschen da, Menschen beziehungsweise ihre Aufmerksamkeit sind vielmehr das Produkt von Social Media Plattformen.

Die Folgen einfacher Verfügbarkeit flacher medialer Kontakte und Inhalte:

  1. Permanenter Entzug geistiger Einsamkeit
  2. Flache Inhalte, die flaches Gedankengut generieren
  3. Mangelende Konzentrationsfähigkeit: Wer sich permanent ablenkt, wird nie tiefe Konzentrationsstadien erreichen, um möglichst effizient seine Ziele zu verwirklichen.
  4. Stress: Einerseits aufgrund des ständigen Inputs, andererseits weil wir genau wissen, dass diese flachen Inhalte unser Leben nicht bereichern, allerdings unsere Zeit rauben. Weil wir wissen, dass wir unsere wertvolle Zeit sinnvoller nutzen könnten.
  5. Entkopplung von seinem eigenen Sein. Um ein Gefühl von Zufriedenheit erreichen zu können, muss man sich selbst kennen lernen. Hierfür werden einsame Stunden mit dem eignen Gedankengut benötigt.

Das Resultat: Unzufriedenheit.

Rituale der Einsamkeit

An dieser Stelle kann ich vorwiegend für mich sprechen, wobei ich ähnliche Verhaltensmuster bei zahlreichen erfolgreichen Individuen der Menschengeschichte beobachten kann – Thoreau, Goethe, Nietzsche, Schopenhauer, Newton.

“I never found a companion that was so companionable as solitude.”

Henry David Thoreau

In den letzten Jahren konnte ich sehr von einsamen Stunden mit meinem Sein profitieren. In dieser Zeit schaffte ich es nicht nur, mich selbst besser kennen zu lernen, sondern entwickelte und arbeitete meine besten Einfälle aus. Darüber hinaus konnte ich auch meine Konzentrationsfähigkeit deutlich ausbauen, was sich in Erfolgen in meinem beruflichen Leben niederschlug.

Auf dem Weg

Meine Wege zur Uni/ Arbeit und wieder zurück nutze ich für meditative Übungen. Ich trainiere mein Gehirn darin die Einsamkeit zu ertragen, sich dabei wohl zu fühlen und sich in dieser Zeit mit unangenehmen, weil anstrengenden Fragen meines Seins auseinander zu setzen. Statt mich flachen Inhalten und Kontakten hinzugeben, greife ich Fragen auf, von deren Lösung mein Leben langfristig profitieren wird.

Im Bett

Eine ähnliche Vorgehensweise nutze ich vor dem Schlaf. Ich rekapituliere meinen vergangenen Tag und konzentriere mich auf die Ziel des kommenden Tages. Früher bin ich in dieser Zeit auch die tagsüber gelernten Inhalte nochmal durchgegangen und habe auf diese Weise komplexe Inhalte auf eine ganz neue Weise verinnerlicht. Heutzutage fokussiere ich mich gerne auf ungelöste wissenschaftliche Fragen – mein Freundin flippt fasst aus, wenn ich nachts mal wieder mit einem neuen Einfall aufwache und zu schreiben beginne, weil mein Gehirn es endlich geschafft hat komplexe Inhalte zu einer Antwort zusammen zu flicken.
Interessanterweise hatte ich bislang nicht das Gefühl, dass diese Vorgehensweise meine Schlafqualität negativ beeinflusst und ich hierdurch weniger Energie im Alltag verspüre – das Gegenteil ist der Fall.

Auf der Couch

Statt tagsüber Zeitperioden mit flachen Inhalten zu füllen, lege ich mich ab und an für 10-20 Minuten auf unsere gemütliche Couch. Ich schlafe nicht, ich denke – ich meditiere.

Zu Fuß

Wer mich kennt, weiß wie gerne ich spazieren gehe. Bin ich in einer neuen Stadt, erkunde ich diese gerne zu Fuß und verlauf mich dabei stundenlang. Was die meisten nicht wissen: Diese Zeit nutze ich häufig ebenfalls für meditative Übungen. Ich setze meinen Fokus auf eine für mich relevante Frage und laufe los. Mein Gehirn versucht ständig dieser auszuweichen – das lasse ich nicht zu. Stattdessen übe ich mich darin meine Konzentration aufrecht zu erhalten.

Die beschrieben Rituale haben über die letzten Jahre meine Lebenszufriedenheit deutlich gesteigert. Ich konnte privat und beruflich deutlich von ihnen profitieren. Ich schätze die einsamen Stunden sehr und empfinde zunehmenden Stress, wenn mir diese entzogen werden.

Wie du gemerkt hast, geht geistige Einsamkeit nicht stets mit physischer einher. Es ist vielmehr eine Frage der Übung.

Persönlich glaub ich nicht, dass sich die heute übliche permanente Verfügbarkeit positiv in unserer Lebensqualität niederschlägt. Viel mehr bin ich überzeugt, dass jeder Mensch täglich eine gewisse Portion Einsamkeit bedarf, um langfristig ein zufriedenes Leben zu führen. Das lässt sich auch daran beobachten, wie bereichernd zahlreiche Menschen Zeit für sich alleine in der Natur empfinden.

Wenn wir es zulassen, entziehen uns leicht verfügbare Medien die notwendige Einsamkeit und ohne es zu bemerken, trainieren wir durch diese ständige Ablenkung unser Gehirn darauf sich vor Einsamkeit zu fürchten. Beim nächsten Mal an der Bushaltestelle schreit es demnach förmlich nach leicht verfügbaren Inhalten – zum Glück sind diese nicht weit, gleich in unserer Hosentasche.


*Bücher und Filme zum Thema
1. Walden, Henry Thoreau
2.
Into The Wild

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7 Comments

  1. 1

    Servus, du hast sowas von Recht
    Ich kämpfe täglich mit meinem Sohn und versuche ihm genau das zu erklären. Wer sich ständig ablenkt lernt sich und seine Umgebung nicht kennen. Wer in Erlebnissen anderer lebt (YouTube) verpasst sein eigenes Leben.

    “Langeweile” erschafft die schönsten und
    tollsten Einfälle.

    LG Regina

  2. 3

    Hey Mischa, erstmal ein ganz fettes Danke für deine ganzen Mühen die du in deine Videos auf YouTube und Blogbeiträge steckst / gesteckt hast und uns sowas kostenlos ermöglichst. Die Emailbeiträge sind wirklich geil, da ich auch auf YouTube wesentlich weniger, und auf Instagram gar nicht mehr präsent bin.
    Ich bin Zahni im nun 3. Jahr und seit 2 Jahren treuer Leser/Anhänger/Unterstützer deiner Inspirationen und Ideen, ich wäre heute nicht da wo ich jetzt bin ohne deinen ‘Einfluss’, hab mir als mini Unterstützung vor einer Weile mal eine Medi Heroes Tasse von dir geholt ;D
    Sehr schicker Beitrag, inspiriert zu neuen Veränderungen im Alltag!
    Ich wurde teilweise komisch angeguckt wenn ich in einer Lernpause jedes mal mein kindle mit nach draußen nahm und gelesen habe, statt am Handy zu sein, ist interessant was andere Leute da für Einstellungen haben.

    Insofern bin ich gespannt wenn du das erste mal aus deiner Assi Zeit berichten wirst, Kardiologie ist wirklich geil, hab vor einem Jahr mal mit dem Gedanken gespielt zu Medizin zu wechseln und den Neurologen anzustreben, bin jedoch bei der Zahnmedizin geblieben.
    Beste Grüße!

    • 4

      Hey Marvin,
      danke für dein Feedback und deine Unterstützung. Ich werde berichten!

      Cheers Mischa

  3. 5

    Hey Mischa!

    Ich fande es sehr spannend den Text zu lesen, da ich dadurch mal wieder gemerkt und realisiert habe, was ich (ohne dass ich es mir wirklich bewusst vornehme) immer wieder mache. Sich einfach irgendwo, egal ob Bus, Bahn, Parkbank oder Bett die Zeit zum nachdenken zu nehmen.

    Zum Reflektieren, zum über ungelöste Fragen / Problemstellungen nachzudenken und den Ehrgeiz zu haben, solange mit sich selbst zu debattieren, bis man auf eine Lösung gekommen ist. (Oder festzustellen, dass ich bei dem ein oder anderen Thema auch mal eine externe Expertise benötigen könnte ^^).

    Du hast das echt toll in Worte gefasst!

    Gruß, Dominik

    • 6

      Das geht sehr vielen Menschen heutzutage so. Wie alles andere im Leben: Man muss es üben, es mit sich selbst auszuhalten.

      Cheers Mischa

  4. 7

    Hallo Mischa!

    Super toller Post!
    Ich merke selbst manchmal auch, dass ich etwas zu abhängig bin von den ganzen neuen Medien, obwohl ich das versuche stark zu reduzieren…

    Du hast von “meditativen Übungen” geredet, welche du regelmäßig in verschiedenen Situationen durchführst. Könntest du denn hierzu etwas mehr Infos geben, welche das genau sind und wie man die durchführt? Evtl. hast du ja einen Link zu einem Video parat oder ähnliches 🙂

    Danke vorab und viele Grüße,
    Sam

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