Konzentriert Arbeiten: 100 Tage Case Study und was du aus Ericssons Studie lernen kannst

Auch wenn ich mir in den letzten Monaten eine Auszeit von meiner Onlinepräsenz genommen habe, so ließ ich es mir nicht entgehen, die ein oder andere eurer Nachrichten durchzulesen. Eine Frage blieb mir besonders in Erinnerung: “Ich lerne bereits 12 Stunden pro Tage, aber meine Noten werden einfach nicht besser – was soll ich bloß tun?” Meine simple, aber für die meisten Individuen radikale Antwort lautet: Mach weniger.

Für den einen oder anderen wird das völlig absurd klingen, doch widerspricht diese Antwort der eigenen Intuition. Wenn ich in etwas schlecht oder mittelmäßig bin, dann muss ich schließlich immer mehr Arbeit verrichten, aber doch auf keinen Fall weniger – nicht wahr? Nun, das widerspricht meiner Erfahrung und auch der wissenschaftlichen Datenlage.

Wer besser werden will, muss nicht unbedingt mehr lernen oder mehr Arbeit verrichten, sondern seine Zeit mit Bedacht für die richtige Art von Arbeit nutzen. Es gibt nämlich einen himmelweiten Unterschied zwischen beim Lernen oder Arbeiten verbrachter Zeit und tiefkonzentrierter bewusster Arbeit an seinen Fähigkeiten.

Letzteres entspricht einer höchstanstrengenden, zum Teil sehr unangenehmen und doch bewusst ausgeführten Betätigung, die deine Fähigkeiten nach und nach immer weiter deutlich ausbaut. Ersteres kann dies zwar auch beinhalten, die meiste Zeit wird allerdings für oberflächliche Betätigungen oder gar Spielereien vergeudet. Das Ergebnis ist häufig sehr unbefriedigend und auslaugend.

Ich möchte in diesem Artikel nicht darauf eingehen, wie man die Phasen der Tiefkonzentration erreicht, optimal über den Tag aufteilt und das meiste aus dieser Zeit herausholt, sondern euch fürs Erste nur mit dem Gedanken vertraut machen, dass ein “Mehr” nicht gleich in einem “Mehr an Erfolg” resultiert. Das Gegenteil ist viel häufiger der Fall.

Bereits 1993 publizierte Ericsson eine wissenschaftliche Arbeit unter dem Titel “The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance”, in der er einem Teil auch der mentalen Kapazität von Individuen unter Verrichtung geistig fordernder Tätigkeit widmete. Ericsson stellte fest, dass ein Neuling etwa 1 Stunde konzentrierter Arbeit täglich aufbringen kann, während ein Experte seine Kapazität auf bis zu 4 Stunden täglich auszudehnen schaffte – selten mehr.


Schlussfolgerung: Deine mentale Kapazität ist erschöpfbar.


Hat man erstmal 1-4 Stunden (je nach Fähigkeiten) mit mental schwer anstrengender Arbeit verbracht, lässt sich mit weiteren 8 Stunden nicht unbedingt mehr herausholen. Die restliche Zeit sollte lieber für oberflächlichere, aber zielorientierte Tätigkeiten genutzt werden. Hierzu kann gehören: *Lesen spannender Literatur, *Hören von Büchern, meditative Spaziergänge oder aber die Erledigung von Papierkram, Hausarbeiten oder anderen Aufgaben, die sich ansonsten aufsummieren und einem langfristig die Möglichkeit für das wirklich konzentrierte Arbeiten rauben.

100 Tage Case Study

Interessanterweise kann ich die Studienergebnisse von Ericsson durch die Auswertung meiner eigenen Daten untermauern. Diese Überraschung war der letztendliche Grund, meine Erkenntnisse mit euch zu teilen.

Weiter unten seht ihr eine Grafik, die die Zeit abbildet, die ich mit mental schwer anstrengender Arbeit verbrachte. Hierzu zählt aktuell hauptsächlich das Ausarbeiten und Ausformulieren von Ergebnisse und Theorien meiner Promotionsarbeit, aber auch Fortbildungen im Bereich von Data Science. Ein kleiner Teil wurde auch gehobener Literatur gewidmet, um meinen geistigen Horizont zu erweitern und die Kreativität zu beflügeln.

Auf der x-Achse erkennt ihr die Tage (0-100), auf der y-Achse ist die Zeit in Minuten abgebildet, die ich täglich mit dem Arbeiten verbrachte.

Mein Mittwert lag bei 274 Minuten täglich, dies entspricht etwa 4,6 Stunden. Es sei darauf hingewiesen, dass ich nicht nur die absolut anstrengendsten Minuten meiner Arbeit notierte, sondern an manchen Tage auch das Lesen von gehobener Literatur eingerechnet wurde. Es sollte klar sein, dass dies weniger anstrengend ist, als die Beschäftigung mit meiner Promotion. Auch ist offensichtlich, dass eine sehr große Standardabweichung vorliegt, von sage und schreibe 119 Minuten. Angesichts dessen, dass mein Alltag in der ersten Hälfte der Aufzeichnung auch von zahlreichen anderen Events, wie etwas Vorstellungsgesprächen geprägt war, ist das nicht verwunderlich. In der zweiten Hälfte habe ich hingegen fast meine gesamte Aufmerksamkeit meiner Promotionsarbeit gewidmet, was sich auch in geringeren Schwankungen um den Mittelwert widerspiegelt.

Was du daraus ziehen kannst: Auch ich bin kein Superbrain und komme unter optimalen Bedingungen auf nicht mehr als 2,5-4 Stunden höchstkonzentrierter mentaler Arbeit täglich. Wenn allerdings der Alltag zuschlägt, viele Kurse an der Uni besucht werden müssen oder der Job einen schwer fordert, wird die Statistik zwangsläufig sinken.

Es sei angemerkt, dass es sich hierbei um wirklich höchstanstrengende mentale Arbeit handelt, vor der sich viele Menschen zu drücken versuchen, indem sie ständigen ihre Social Media Profile checken, noch eine Nachricht bei Whats App beantworten oder einfach nur stupide durchs Internet surfen. Gerne wird sich auch mit anderen belanglosen Tätigkeiten wie Snacken, Putzen oder Löcher in die Luft starren, abgelenkt. Am Ende des Tages hinterlässt dies ein schlechtes Gewissen und führt zu der “Notwendigkeit” den gefühlt gesamten Tag am Schreibtisch zu verbringen.

Über die letzten Jahre habe ich gelernt alle Störfaktor für die Dauer meiner Arbeit zu beseitigen, um auch wirklich den maximalen Nutzen aus ihr ziehen zu können. Dies braucht Zeit und Mühen, schlussendlich wird man allerdings mit Erfolgen und vor allem weniger Stress und mehr Zufriedenheit belohnt.

P.S.: Auch ich habe das nicht immer so praktiziert. Mein ehemaliges Motto lautete: “Wenn ich zum Ende der Lernphase nicht in Fötusstellung auf meinem Bett liege, bestehe ich nicht.” Seit ich vor Jahren begonnen habe mich mit Lernstrategien zu beschäftigen und die Bereitschaft aufzubringen, den zum Teil notwendigen Verzicht und die Disziplin aufzubringen, um die Konzepte umzusetzen, wurde ich mit reichlich Fortschritt in meinem Leben entlohnt.

Cheers Mischa


*Meine aktuelle Lektüre: Abschied von der Erde: Die Zukunft der Menschheit, Michio Kaku

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